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Dezember 24 – März 25

Text | engl. | Abbildungen



Künstler: Oliver Nutz

Oliver Nutz Bilder erscheinen radikal reduziert, geben sie doch meist wenig, manchmal beinahe nichts zu sehen. Doch hier bloß von Leere oder Absenz zu sprechen, oder die flächigen und farblichen Bildgeschehen auf monochrome Malerei zu reduzieren, würde zu kurz greifen. Man findet vielmehr einen Bildbegriff vor, der Absenzen für das Sehen als konstitutiv begreift. Während rezeptionsseitig das Ausblenden von Wahrgenommenem, also Reduktion und Abstraktion, eine Rolle spielen, sind rezeptionsästhetisch, beim künstlerisch-bildhaften Sehen, imaginäre Ergänzung und Appräsentes von Bedeutung. Denn Sehen bildet die Welt nicht bloß ab, sondern stellt sie im Sinne eines organisierenden Prinzips der perzeptiven Erschließung, als eine hervorbringerische Tätigkeit, mit her. So geht es hier weniger um eine Semantik der Leere, als vielmehr um eine Frage nach der Ontologie jener Absenzen, leeren Flächen und Volumina. Sehen ist bei Nutz auch nicht auf einen exklusiven Blickpunkt oder ein bestimmtes perzeptives Resultat ausgerichtet, sondern dem Wesen der Dinge und Phänomene zugewandt. Vermeintlich Fehlendes, Unscharfes und Unbestimmtes semantisiert dabei nicht Nichts, sondern eröffnet ein Feld der Polysemie, der Ambiguität und der Evokation, aber auch der Antizipation, der Vorwegnahme und Protention künftiger, möglicher Wahrnehmungseindrücke. Wahrnehmung erweist sich hier per se als liminal, als Schwellen- und Übergangsgeschehen, sie ist nicht auf Fixes, Entitäthaftes ausgerichtet, sondern auf im Wesentlichen Veränderliches, Prozessuales und Werdendes.

Die Malerei von Nutz entfaltet sich in einem Spannungsfeld von Setzung und Löschung, von Markierung und Auslassung, aber auch von Gemachtem und Gewordenem/Entstandenem. Seine Bilder sind durchgearbeitet und doch muten sie autonom an, als wären sie aus sich heraus, mehr entstanden denn gemacht. Wille, Intention, Setzung und Geste werden oftmals auf ein Minimum reduziert. Der Künstler sucht dem Bild im Hier und Jetzt, mit all seinen Bedingtheiten und Einflüssen, zu seinem eigenen ästhetischen Wirken zu verhelfen. Sämtliche Komponenten wie Farbe, Leinwand und Keilrahmen sind dabei stets sie selbst, nichts anderes. Der Künstler arbeitet ohne mimetische oder simulatorischen Momente, ohne Täuschung. Die Bilder sind somit in hohem Grad abstrakt-autonom und verweisen wesentlich auf sich selbst. Und doch funktionieren die in LIMINAL gezeigten, allesamt hochformatigen Bilder, insbesondere mit etwas Abstand und in ihrem Nebeneinander betrachtet, ein wenig ähnlich türartigen Gevierten, die einen Austritt, einen Durchgang, eine Passage eröffnen. In ihrem Doppelstatus sind die Bilder einerseits schlichte, reale Objekte und doch setzen sie sich der Empirie und Banalität der Wirklichkeit auch entgegen.

Oliver Nutz schafft Bilder, die, obschon sie wesentlich auf Materialsprachlichem basieren, im Wahrnehmungsverlauf einem den Objekt-und Dingstatus des Bildes durchdringenden Sehen zur Wirkung verhelfen. Die beinahe stofflich anmutenden Bildobjekte bilden Scharniere zwischen Aktualem, Objekthaft-Präsentem und seiner Transzendierung, einer Durchdringung und „Übersetzung“ ins Ephemere, Atmosphärisch-Vage. Seine Bilder erweisen sich als eine Art bildontologisches Scharnier, das nicht nur Zwei- und Dreidimensionalität ineinander fallen lässt, sondern letztlich Fragen nach dem Seinsstatus des Piktoralen selbst stellt.

In der Ausstellung LIMINAL finden sich Arbeiten der vergangenen zehn Jahre wieder, die über die einzelnen Werkgruppen und Schaffenszeiträume hinweg bewusst verschränkt gezeigt werden. Während die Arbeiten aus 2013/14 ein Motiv der leeren Mitte und betonte Bildobjektränder und -kanten aufweisen, sind die großformatigen Bilder der vergangenen vier Jahre räumlichen, raumevokativen Qualitäten einzelner Farben gewidmet; und während die Bilder der Jahre 2013/14 zumeist in SW oder Grautönen gehalten sind, bildet das erste kleine Bild (40 x 30 cm) der Gruppe aus fünf Malereien eine Ausnahme. Mit seinen Gelbrändern wird hier nicht nur die Objektstruktur des Bildträgers als flacher Kubus betont, das Bild eröffnet von den Rändern zur Mitte hin, die leere Leinwandmitte sanft induzierend, einen spezifischen Farbraum, der zwischen Leere und imaginär ergänztem Farbeindruck vexiert. So changieren diese Bilder in ihrer Betonung des Rahmens nicht nur zwischen Objekt und Bild, Fläche und Raum. Es kommt, auf abstrakter Ebene, zu einem Umschlagen zwischen Sehen und Wissen, wahrgenommenem (oft auch unscharfem) Sehen und geometrisch „gewusstem“ Raum.  Zwischen Rändern, also dem Farbgeschehen, dem Gesetzt-Malerischen und der Auslassung, der leeren Mitte, entfaltet sich ein Bildraumgeschehen, das auf „fast Nichts“ beruht, und das bei aller Sanftheit und Einfachheit nicht zur Ruhe kommt. Die wechselseitige Aufladung der Bildagenzien, des Gestalteten versus Unbehandelten, führt zu einem ontologischen Widerstreit. Das vermeintliche Nichts wird alsbald zur Fülle, die sich jedoch auch wieder zu entziehen scheint und das Bildereignis so auch latent wieder zu kollabieren vermag.

In diesen kleinen Bildern von Nutz kommt es zu einer Koexistenz, zu einer Art Reziprozität von Nicht-mehr-Sichtbarem und Noch-nicht-Wahrnehmbarem. Das Präsente, sich zeigende steht neben einem Abwesenden, Subliminalen und eröffnet einen Raum für Angedeutetes, Ergänztes, Protentiertes, Apperzeptiertes. Wir finden hier eine Phänomenologie des Vagen, Entgrenzten, Liminalen, das die Unbestimmtheit nicht als Mangel, sondern als Möglichkeit, ja als Raum des Handelns am Bild denkt. In diesen Formen piktoralen Erscheinens vollzieht sich ein Wechsel vom Nichtsein zu einer paradoxen Form perzeptiven Seins.

Die verschiedenen Bilder der Gruppe aus fünf (eigentlich drei plus zwei) kleinen Bildern spielen unterschiedliche Dynamiken und Aspekte der gegenseitigen Aufladung und „Induktion“ von pigmentierten Bildkanten und leerer Mitte durch. Sie unterhalten dabei ein Verhältnis der Familienverwandtschaft, also formaler und bildstuktureller Ähnlichkeit, wobei sie dennoch sehr unterschiedliche bildräumlich-ephemere Räume evozieren. Nutz schafft in und mit jedem Bild eine Art Versuchsanordnung, mit wenigen, aufs Wesentliche reduzierten Mitteln, um die Elemente auf unterschiedliche bildraumevokative Weise miteinander in Beziehung treten zu lassen. Er überlässt das Werden des Bildes dabei nur zu einem Teil sich selbst. Wenngleich autopoetische Momente eine Rolle spielen, das Ungerichtete, Zufällige, Aleatorische, so gibt es dennoch explizite Momente der Entscheidung, des Setzens, Artikulierens. Wenn auch subtiler und bescheidener Natur, so sind hier doch Momente dezidierter Autorschaft erkennbar.

Beim zweiten Bild der Fünfergruppe, das schwarz pigmentierte Ränder aufweist, zeigen sich neben der Schwärzung der Bildobjektkanten sanfte, indexartige, hellere Abdrücke innerhalb der sonst unbehandelten Leinwand. Nutz hat, wie oftmals im Zeitraum 2013/14, auch dieses Bild entlang seiner Keilrahmenkanten invers, also mit der Bildfläche nach unten in am Boden aufgestreutes Pigment gerieben, sodass sich sanfte Übergänge von der Kante zur Bildmitte ergeben. Die Verläufe von Farbe in Nichtfarbe werden jedoch durch leichte Fehlstellen unterbrochen. Das atmosphärisch anmutende Bildgeschehen erfährt Interruptionen durch inverse Einschlüsse, die sich als helle Stellen im chromatischen Verlauf zeigen. Diese leichten Störungen lassen die Kohärenz des liminalen Bildgeschehens, der Farbräumlichkeit wie auch der sfumatoartigen Unschärfe, in sich brüchig, ja instabil erscheinen, sodass ein rein eskapistisches Sehen verhindert wird. Nutz sucht nach dem Weder/Noch, nach einem Zustand (des Sehens) vor jeglichem Urteil, Werten und Kategorisieren. Gerade in dieser Unentschiedenheit und Schwebe liegt die Besonderheit und subtile Radikalität, aber auch die Herausforderung der auf den ersten Blick so introvertiert anmutenden Arbeiten an den Betrachter.

Die Bilder von Oliver Nutz entfalten sich in der Dialektik von An- und Abwesenheit, von Angebot und Verweigerung, von Objekthaftigkeit und ihrer Transzendierung. Das Vage vermag hier als Scheinen der Idee (Hegel), aber auch, im Ergänzen, Hineinsehen, Aktivieren der Betrachtung, als Fokussierung und Betonung der Subjektivität im Sinne einer Ästhetik der Romantik gelesen werden. Die Leere, die vermeintlich leere Mitte, macht den Weg frei für einen ahnenden Blick, ein Hineinsehen und Ersehen. In dieser Ästhetik der Unbestimmtheit entfaltet sich das Wahrgenommene in hohem Grade indirekt, anhand von und im Zusammenspiel mit vordergründig Absentem. Das Nicht-Seiende gelangt in dieser indirekten Ontologie zu einem Status eines paradox-Seienden, Anwesend-Abwesendem.

Während vier der fünf kleinen Bilder von der Kante zur Mitte gearbeitet sind, entweder von vorne, wie beim graphitgrauen Verlaufsgeschehen in Bild 3 oder auch direkter, ja plumper, in Bild 4 durch vom Boden her aufgeriebenes schwarzes Pigment, zeigt das fünfte Bild der Gruppe ein anderes Vorgehen. Nutz gibt dem Betrachter hier schlicht ein invertiertes Bild zu sehen, eine grau bemalte Leinwand, die er umgekehrt aufgespannt hat, sodass das durch die Leinwand durchscheinende Grau zu einem latent-farbigen, flächig-grauen liminalen Farbgeschehen avanciert. Hierbei springt nicht nur der Standpunkt der Wahrnehmung um, man befindet sich quasi hinter und im Bild, sieht durch es hindurch und verlässt jegliche konventionelle Betrachteranordnung.

Das größte Bild (140 x 110 cm) dieses Schaffenszeitraum mit dem Zweittitel DARE (2013) zeigt eine weitere subtile Modifikation des Betrachterstandpunkts. Nutz streut auch hier Pigment am Boden auf, reibt die Bildkanten ein, sodass man angesichts der Bildgröße durchaus von einer Art blinder, nicht nur inverser Malerei sprechen könnte. Der Subjekt- und Autorbegriff findet sich hier also erweitert, aber auch gebrochen. Das Bild, das sich hier indexikalisch, einem Abdruck gleich, ja teilweise ähnlich einem Fotogramm selbst schreibt, lässt dabei die Unterscheidungen was Farbe, Pigment, Verschmutzung und Fehlstelle ist, obsolet erscheinen. Im Aufreiben des Pigments und Hinlegen des Bildträgers bilden sich sämtliche Falten und Kanten der Leinwand als dezente graphische Formation ab. Die Fläche erweist sich nicht als homogenes, zum Zentrum strebendes monochromes Verlaufsgeschehen, sondern als reliefartiges Gefüge aus hellen und dunklen, teilweise gar landschaftsartigen Strukturen. Verschwommenes trifft hier auf indexikalisch Scharfes, ja Objekthaft-Abbildendes, sodass es dem Blick unmöglich gemacht wird, sich schlicht im Sfumato der Verläufe zu verlieren, ohne an den Evokator jenes Seheindrucks, die Leinwand und ihre Indizies, erinnert zu werden.

Die Bilder von Oliver Nutz vexieren nicht bloß zwischen Objekthaftem und flächig Atmosphärischem. Insbesondere die Bilder der letzte fünf Jahre verschieben den Fokus hin zu Bildraumhaftem, Farbräumlichem. Die Objekthaftigkeit des Bildträgers, die noch in den kleinen Bildern offen thematisierte kubische Geometrie, weicht einem mehr innerbildlichen, flächig verhandelten Geschehen. Nutz wendet sich dezidiert einzelnen Farben und Farbräumen zu, auch Momente der Auflösung und Transzendierung des Bildobjekts geschehen hier durch malerische Vorgänge wie subtiler Schichtung Rhythmik des Farbauftrags. In den drei großformatigen Bildern der Ausstellung LIMINAL, die aus den Jahren 2021 und 2023 stammen, verwendet Oliver Nutz wie gewohnt Farbe in Form von Pigmentstaub, die nunmehr von vorne, auf den liegenden Bildträger aufgestreut und mit Vertreibepinseln zu einem kompakten, doch nicht gänzlich geschlossen-opaken Farbkörper verdichtet wird. Das Bild Ohne Titel (red), weist dabei einen sanften Widerstreit zweier Pigmente auf, wobei sich zwischen unterem Blau und gehöhtem Rot ein Interferenzgeschehen entfaltet, das nur auf ersten Blick an Monochromie und Geschlossenheit denken lässt. Aus der Nähe zeigt sich das Farbflächengeschehen bewegt, dynamisch, ja vibrierend und unruhig. Das Bild gleicht mehr einer Art Membran denn einer malerischen Gegebenheit. Gerade in seiner Einfachheit und mit und aufgrund seiner inhärenten Verborgenheiten avanciert das Bild zu einem piktoralen Dispositiv, einem Evokator mannigfaltiger, liminaler Bilderscheinungen.

Auch das Gelbbild Ohne Titel (Y_23-3) erweist sich bei genauerem Hinsehen als unsteter Bildraum, der sich als Zwiegespräch zweier gelber Raumlagen zu erkennen gibt. Nutz schafft hier ein Raumlagenvielfach, das eine atmosphärische, fast monochrome Seite aufweist, doch ebenso in sich unstet, bewegt, veränderlich wirkt. Das Wahrgenommene changiert zwischen unterschiedlichen Bestimmungen, die in sich selbst vage, von abstrakter Natur zu sein scheinen. Der Raum im Sinne eines konkreten Oben/Unten und Vorne/Hinten verliert hier seine Koordinaten und Grenzen. Oliver Nutz verhandelt Räumliches hier dezidiert nichtperspektivisch, sieht man von den Bildgeviertkanten ab, so kommen in diesem Raumdenken weder Konturen noch Linien vor, alles geschieht in und mit Fläche, Farbe, Verlauf und Schichtung. Fläche und Eigenwerte der Farbe vermögen dabei räumliche Tiefe zu evozieren, die alsbald aber auch wieder in einer Nahsicht, ja einer Intimität (des Oberflächensehens) münden kann. Das Unscharfe vermag hier somit sowohl Raum herzustellen als auch Räumliches in Flächigem münden zu lassen, wobei dieses Flächige den Blick auf gewisse Weise auch blockiert und an den Betrachter zurückwirft. Der Betrachter wird verleitet, sich auf den Bildaustritt einzulassen, wird anderseits alsbald auf das Hier und Jetzt der Wahrnehmung zurückgeworfen.
 
Oliver Nutz Bilder changieren zwischen Abstraktion und Konkretion. Seine Bilder sind „Figurationen“, Bildwerdungen von Ephemerem. Das eigentliche „Motiv“ ist dabei per se entgrenzt und unbestimmt. Im interpiktoralen Zusammenspiel, ihrem Zusammenklang der Bilder, entfalten diese untereinander, von einem Farbraum zum anderen, selbst liminale Übergangsbereiche und -räume. Das Unsichtbare, Noch-nicht- oder Nicht-mehr-Sichtbare, koppelt darin eine Dimension sinnlicher Ergänzung und Aufladung, doch bergen die Bilder ebenso eine nicht-sinnliche, dem Wesen nach abstrakte, gar metaphysische und doch auch introvertierte Seite. Die Bilder von Oliver Nutz bedingen, obschon sie die Aktivität sinnlicher Ergänzung bedienen, eine Art inneres Sehen. Der Blick scheint am Bild auf gewisse Weise auch zurückgewendet, sodass der Betrachter auf das eigene Sehen verwiesen wird. Das anfänglich mehr äußere Betrachten weicht einem inneren, fragenden Blick, der zwischen ontologischer Ahnung und relationalem Sich-Verorten changiert. Der Betrachter, der sich so gesehen auch nur vordergründig im Blick verliert, gelangt zu einer Art reflexiven Betrachtung, die sich dem Wesen und Sein der Dinge, aber auch dem Sehen als epistemologisches, aesthetikologisches Instrument jenseits unmittelbarer Sichtbarkeit zuwendet, einem Sehen, das von der Welt fragend zum Selbst führt.

 

David Komary