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Mai – Juni 11

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Künstler: Rashaad Newsome

Die Ausstellung Shade Compositions zeigt filmische und videografische Arbeiten von Rashaad Newsome, in denen der Künstler den Körper als soziokulturellen Zeichenträger befragt. Das Kameradispositiv bildete bereits in der Ausstellung denumerable infinite (Galerie Stadtpark, 2009) den Gegenstand medienreflexiver Untersuchungen, in Shade Compositions wird der Fokus um den Zusammenhang von Bild, Blick und Körper erweitert. Rashaad Newsome setzt sich mit Körpersprache sowie ihrer bildhaften Codierung im Spannungsverhältnis von Klasse, ethnischer Zugehörigkeit und Geschlecht auseinander. Im Kontext zeitgenössischer Bildproduktion bedeutet dies zugleich, Fragen nach den Formen visuellen Konsums zu stellen. Bei Newsome kommt dem Bild dabei ein ambivalenter Status zu. Es ist Gegenstand kritischer Befragung, da es soziale Codes reproduziert, festschreibt und konsumierbar macht, doch ist das Videobild zugleich das Verhandlungs-medium, in dem er Performatives und Visuelles, Körper und Bild gegeneinander arbeiten lässt, um kanonisierte Formen identitärer Zuschreibungen und Klassifizierung aufzubrechen. Rashaad Newsomes Arbeiten handeln wesentlich von Bildpolitiken, reflektieren die Konstruktion von Identität von und mit Bildern: Wer generiert und produziert wessen Bilder? Welche Interessen sind den jeweiligen Bildpolitiken inhärent? Und schließlich: Wie sehen (bewusste und unbewusste) Formen der Aneignung durch visuellen „Gebrauch“ identitäts-offerierender Bilder aus?

Newsome untersucht in Shade Compositions und Shade Compositions (screen tests) die mimischen, gestischen und körpersprachlichen Artikulationen afroamerikanischer Frauen, eine gemeinhin als Ausdrucksform sozialer Randgruppen-zugehörigkeit stigmatisierte Körpersprache. Newsomes Arbeiten werfen nicht nur Fragen von Minorität und Alterität auf. Seine Performances und Filme, die sich reproduzierende Codes sozialer und ethnischer Gruppen thematisieren, erweisen sich zudem als komplexe Explorationen sozialer Zugehörigkeit und kultureller Diversität: Woher kommt diese Art von Körpersprache, wem „gehört“ sie, in welche soziale Codes diffundiert sie? Während der Künstler in Shade Compositions (screen tests) die Ausdruckformen einzelner Protagonistinnen beinahe dokumentarisch aufzeichnet, um sukzessive ein differenziertes Repertoire spontaner Artikulationsformen zu sammeln, beobachtbar und lesbar zu machen, werden in Shade Compositions, einer Verbindung aus Performance und Video mit 21 Darstellerinnen, die repetitiv vorgeführten Gesten und Laute gezielt dekontextualisiert und zu einer abstrakt anmutenden Echtzeitkomposition verdichtet.               

Das 20-minütige Video Shade Compositions wird von einer musikvideoähnlichen, zweiminütigen Bildsequenz eingeleitet. Dem Betrachter wird ein bekanntes Soulstück aus den 80er-Jahren präsentiert, das visuell von perfekt inszenierten Schwarzweißbildern begleitet wird. Die Kamerabewegung führt vom Close-up der mit der Kamera kokettierenden Darstellerin zur Totalen. Im Verlauf des Zoom-out wird die semantische Abstimmung von visueller und klanglicher Ebene jedoch zunehmend inkongruent und brüchig. Spätestens am Ende der Sequenz bricht die Illusion in sich zusammen: Die vermeintliche Darstellerin wird als Drag Queen erkennbar. In der gezielten Inszenierung der Unbestimmbarkeit der Geschlechtszugehörigkeit lässt Newsome die von der Musik ausgelösten visuellen Erwartungen konventioneller Geschlechtercodes, die sich nicht zuletzt aus den kanonisierten Bildrhetoriken der Musikindustrie speisen, ins Leere laufen.

Das hinsichtlich seiner Geschlechtsrollenverteilung invertierte Musikvideo Newsomes leitet eine multimediale Performance von 21 Afroamerikanerinnen ein, denen der Künstler als eine Art Dirigent vorsteht. Eine umprogrammierte Nintendo-Spielkonsole dient Newsome einerseits als Dirigierstab, zur Koordinierung der Einsätze einzelner Gruppen von Performerinnen, andererseits auch zur Einbindung von bereits aufgezeichneten Videosequenzen sowie live aufgenommenem und durch Videomixing und Looping bearbeitetem Tonmaterial in die Performance. Über einen Zeitraum von 20 Minuten entspinnt sich eine performative, audiovisuelle Echtzeitkomposition, die teils auf Vorgaben, teils auf Improvisation basiert. Die Simultanität und Wechselwirkung realer und imaginärer Ereignisse spiegelt dabei eine Wirklichkeit wider, in der jeder Wahrnehmung eine Vielzahl medialer Bilder vorangeht.

Newsome arbeitet in Shade Compositions mit Mitteln der Collage und der Wiederholung, um körpersprachliche Zeichen und Gesten ihres ursprünglichen Kontexts und ihrer konventionalisierten Bedeutung zu entheben. Ausdrucksweisen und -gesten wie beispielsweise Augenrollen und Zungenschnalzen, die der Künstler an verschiedensten Orten über mehrere Jahre als „typisch afroamerikanische feminine“ Ausdrucksweisen beobachtet und in den Screen Tests gesammelt hat, werden durch gezielte Dekontextualisierung als metasprachliche, zugleich übernationale Ausdrucks- und Verständigungsweisen lesbar.    
                 
Newsome desemantisiert körpersprachliche Codes, indem er sie ihres originären Kontexts enthebt und sie von Performerinnen exzessiv, beinahe bis zur Trance wiederholen und vorführen lässt. Die Gesten werden auf diese Weise kommunikativ „entleert“, bleiben aber dennoch über ihren affektiven Gehalt dechiffrierbar. Newsome macht sie zu ästhetischen Figuren, die in ihrer Fragmentiertheit als universelle Codes fungieren, zugleich aber innerhalb seiner Inszenierungen zu etwas anderem werden, indem sie in eine polyrhythmische, seriell anmutende Komposition münden. Nicht die Dechiffrierung und klare Zuordnung der Zeichen, sondern ihre polysemen Angebote und assoziativen Gehalte, die sich nonverbal artikulieren und übertragen, werden zum Thema. Newsome bezieht sich in vielen seiner Arbeiten nicht von ungefähr immer wieder auf das Barock – er zeichnet die Umrisse einer zeitgenössischen Affektentlehre, deren Regeln durch Gebrauch angeeignet werden und die sich als kollektive unbewusste Formensprache im Kontext der visuellen Kultur fortschreibt.           

Newsomes performative Inszenierungen fragen nicht nach Echtheit oder Unmittelbarkeit der Ausdrucksformen kultureller Identität. Jenseits der Vorstellung eines wie immer gearteten Ursprungs amalgamisiert er unterschiedliche Gebrauchs- und Aneignungsformen körpersprachlicher Ausdrucksweisen. Newsomes Arbeiten richten sich gegen eindeutige Zuordenbarkeit kultureller, aber auch geschlechtlicher Identität. In seinen Videos und Performances macht er Identität als soziokulturell Konstruiertes lesbar. Mit der ästhetischen Strategie des Collagierens, die er selbst „equalizing force of sampling“ nennt, arbeiten seine Performances und Videos kulturellen Essentialismen entgegen. Sie führen in einen Bereich der Unbestimmtheit, in dem die vorgeführten Zeichen insignifikant werden und sich dennoch über ihr affektives und assoziatives Potential verständlich machen. Shade Compositions und Screen Tests zielen auf die Polysemie kultureller Zeichen, um der Reproduktion kultureller Hierarchien, deren Festschreibung und essentialistischen Vorstellungen von Identität entgegenzuwirken.

 

David Komary