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Juni – August 11

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Künstler: Siegrun Appelt, Jan Nálevka

Doch eben weil jeder Moment, ebenso wie die Summe von Momenten, ein Vorbeigehen ist, deshalb ist kein Moment ein gegenwärtiger, und insofern gibt es in der Zeit weder ein Gegenwärtiges noch ein Vergangenes noch ein Zukünftiges. Sören Kierkegaard

Die Ausstellung The Same, The Similar thematisiert Formen der Verzeitlichung, des Zeitigens. In den Arbeiten von Jan Nálevka und Siegrun Appelt erscheint Zeit nicht als externe Größe, nicht jenseits eines wahrneh-menden Bewusstseins, sondern ereignet sich einerseits in Bezug zu kulturell fundierten Zeitvorstellungen, andererseits zu je subjektiven Modalitäten des Zeitigens. Die Betonung des wahrnehmenden Bewusstseins und der Verzeitlichung im Wahrnehmungs-vollzug zielt dabei nicht auf einen substantiellen oder homogenen Zeitbegriff. Nálevka und Appelt schaffen paradoxe Zeitdispositive, in denen sich die Konstruktion linearer Zeitlichkeit und Kontinuität als prekär erweist. Während Appelt den Betrachter mit einem Feld geringster noch wahrnehmbarer Veränderungen konfrontiert, bilden Nálevkas seriell hergestellte, linierte Blätter eine Regis-tratur des Zeitlichen per se. In beiden Arbeiten kommt dem – vermeintlich – Gleichen und dem Intervall eine wesentliche Rolle im Verweis auf ein Zeitliches zu.       

Die ästhetischen Formationen von Appelt und Nálevka changieren zwischen Gleichem, Ähnlichem und Verschiedenem. Der Betrachter sieht sich aufgefordert, Gleiches mit Gleichem in Beziehung zu setzen und im Indifferenten Differenz wahrzunehmen. Die Veränderung des wiederholten „Gleichen“ im Wahrnehmungspro-zess macht das vermeintlich Eine zu etwas anderem, etwas Neuem. Die Wiederholung wird zur Grundlage des Differenzierungsgeschehens.

Jan Nálevka zeigt in We can lose everything but not time sechs Stapel von unbeschriebenem, liniertem A4-Papier. Das ununterscheidbare, vermeintlich technisch Reproduzierte erweist sich bei näherem Hinsehen als Vielzahl von Unikaten, Jedes einzelne Blatt ist realiter „handschriftlich“ hergestellt. Hat Benjamin den Verfall der Aura des Objekts durch das Auftreten des massenhaft technisch Reproduzierten beklagt, findet sich das Verhältnis von Original und Kopie bei Nálevka invertiert. Indem der Künstler der technischen Vervielfältigung eine dezidiert manuelle gegenüberstellt, schafft er Reproduktionen zweiter Ordnung, unikathafte Reproduk-tionen, in denen die Autorität des Originals dekonstruiert wird und zugleich rekonstruiert, ohne jedoch zu einem vorbenjaminschen Original zurückzuführen.             

In einer semiotisch-referentiellen Lesart ließe sich We can lose everything but not time als Abarbeiten an ästhetischen Normen, dem DIN-Format sowie der Linierung, beschreiben. Die Grenzen des einzelnen Blatts und die Linierung werden als mediale Determinanten erkennbar. Indem die Blätter vordergründig nichts außer die teils unvollkommene Mimesis der Papierlinierung zeigen, wird die Arbeit produktionsästhetisch als para-doxes Zeitmedium lesbar. Die Linierung wird zur direkten Signatur des Zeitlichen, einer Notationen der Dauer selbst. Die Wiederholung der Linie im seriellen „Schreiben“ bedeutet jedoch nicht Rückgriff; sie dient der liminalen Differenzbildung in Form geringster Permutationen, der Hervorbringung von Verschiedenem. Diese Repetition richtet ihren Blick auf ein Werden, auf ein Mögliches im Wiederkehrenden.

Indem Nálevka seine Registratur des Zeitlichen auf sechs Stapel A4-Papier auf ebenso vielen Podesten verteilt, schafft er eine räumliche Inszenierung, die an die Raumordnung archivisch-musealer Speicherung denken lässt. Während die zeichnerische Linie noch als direktes Analogon zur Dauer, zur „Schreib“-Zeit fungiert, figurieren die Papierstapel und ihre räumliche Setzung bereits eine Form akkumulierter und verwal-teter Zeit. Nálevka macht die Zeit des Archivs sichtbar. Sie wird lesbar als Konstruktion von Zeitlichkeit, die sich der Organisation gesammelter Gegenstände verdankt. Das Archiv wie auch das Museum generieren das Phan-tasma der Progression, das der Selbstvergewisserung des Subjekts dient, indem es seine Verortung auf einer fiktional-linearen Zeitachse ermöglicht.              

Nálevkas Leerbilder changieren zwischen Bild und Nichtbild. Die Leere des Blattes verweist dabei im Sinne einer Tabula rasa auf dessen potentielle Fülle, wodurch eine Vielheit imaginärer Texte vorstellbar wird. Jenseits der archivischen Logik der Reihung und der Linearität, eines homogenen Modells von Raum und Zeit, evoziert We can lose everything but not time schließlich einen komplexen und vielschichtig organisierten, polychronen Möglichkeitsraum. Innerhalb der vordergründig starren, seriellen Inszenierungsform tritt eine imaginäre Struktur zeitsemantischer Überlagerungen hervor.

Siegrun Appelt schafft in Abstrakte Formulierung #7 eine basale, abstrakte Wahrnehmungs-situation, in der sie die Konstitution ästhetischer Wahrnehmung im zeitlichen Verlauf zum Thema macht. Der/die BetrachterIn sieht sich einem tafelbildähnlichen Lichttableau mit einer unscharfen, abstrakt-geometrischen Formenkons-tellation gegenüber. Das Lichtbild zeigt eine Bild-im-Bild-Struktur, deren formale Gliederung weitestgehend unverändert bleibt, während sich das farbliche Geschehen kaum merklich wandelt. Die farbigen Präsenzen erscheinen als ephemere Gestalten liminaler Veränderung. Die Künstlerin bedient sich hierfür der spezifischen Möglichkeiten von LED-Licht, das sämtliche Farben des wahrnehmbaren Spektrums in fließenden Übergängen darzustellen vermag. Die Medialität des Lichts erfährt bei Appelt eine Brechung, indem sie die aufwändige Technologie auch dazu verwendet, mittels Licht Nichtlicht, also Dunkelheit, zu generieren. Appelt verändert Lichtintensität, Schärfe, Farbton derart, dass dem Betrachter die perzeptive Gewissheit des momentan Wahrgenommenen entzogen wird. Die Künstlerin zwingt den Betrachter durch die extreme Langsamkeit des Geschehens, das Differenzierungsvermögen des eigenen Blicks zu „fokussieren“. Weniger das Bild als vielmehr die Wahrnehmung, nicht ein Sichtbares, sondern das Sehen selbst gerät auf diese Weise in den Blick.

Wenngleich das LED-Licht ob seiner Intensität und Ungebrochenheit den Anschein einer beinahe physisch-räumlichen Präsenz von Farbe zu erwecken vermag, bleibt der ontologische Status der Farbe in Abstrakte Formulierung #7 unbestimmbar. Farbe erscheint einerseits objektgebunden, findet an bzw. auf der Bildober-fläche statt, wird andererseits jedoch als immaterielles, flüchtiges Phänomen inszeniert, das den Bildträger transzendiert und sich entsprechend der räumlichen Energie der Farbe sowie der Luminanz des jeweiligen Bildbereichs gänzlich vom Bildmedium zu lösen vermag. Im Auge des Betrachters konstituiert sich ein gestaf-felter, imaginärer Bildraum, dessen Tiefenstruktur sich im Zuge der programmierten Veränderungen des Bildgeschehens unablässig neu konfiguriert; vordere Lagen schlagen in hintere um, Helles in Dunkles. Der/die BetrachterIn vermag aufgrund der Langsamkeit des Verlaufs zudem kaum zu unterscheiden, ob sich die Transfigurationen tatsächlich am Bild vollziehen oder ob sie sich projektiv, im Auge des Betrachters, ereignen. Perzeptives und Projektives, Erinnertes und Vorstellung verschmelzen. In diesem Feld der Transfiguration scheinen Kategorien der Gegenwart und Vergangenheit ineinanderzufließen. Appelt inszeniert ein Wahrneh-mungskontinuum, in dem das Gesehene verschiedener Zeiten miteinander verglichen wird. Das vermeintlich selbstidente Bild ermöglicht durch seine Veränderung im zeitlichen Verlauf das Erscheinen eines Anderen.     

Die Inszenierung von Selbstähnlichem, von vermeintlich Gleichem, in den Arbeiten von Appelt und Nálevka bedingt einen die Grenzen der Wahrnehmung unterschreitenden, liminalen Differenzierungsprozess, in dem sich die Unterschiede und Abweichungen allein der Dauer der ästhetischen Erfahrung verdanken. Das Bild ist dabei weder eine semantische Einheit noch temporalontologisch bestimmbar, es schreibt sich vielmehr in einem Vorgang des Zeitigens als perzeptives Kontinuum fort. In diesem Zeitigen der Wahrnehmung über-lagern sich unterschiedliche Zeitschichten, verknüpft sich an- und abwesende Zeit zur Polychronie. Im Zeitigen, in der Aktualität der Wahrnehmung, wird die Dauer zum kontinuierlichen Wandel, das Werden zum aktualen Zeithorizont.


David Komary