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November 12 – Februar 13

Text | engl. | Abbildungen



Künstlerin: Daria Martin

Mit Entsetzen oder mit Freude entdeckt der Mensch, dass er nicht im Bewusstsein,
sondern inmitten von Maschinen denkt; mit Sehmaschinen und Denkmaschinen.

Maurizio Lazzarato

Der Film steht innerhalb der Welt, aber er stellt sie nicht dar, sondern her.
Gilles Deleuze


Die Ausstellung syntonization setzt zwei Filme von Daria Martin in Beziehung, die das Verhältnis von Bild, Blick, Objekt und handelnden Personen reflektieren. Die zeitliche Distanz von Soft Materials (2004) und Sensorium Tests (2012) schafft eine inhaltliche Klammer, die das Interesse der Künstlerin am Verhältnis Mensch-Maschine widerspiegelt, genauer: an der ästhetischen Wirkungsweise des apparativ erzeugten, filmischen Laufbilds auf den Betrachter. Der Film fungiert nicht als Abbildungs- oder Wiedergabemedium, sondern als Matrix mentaler, genauer: affektiver Evokation. Mensch und Maschine, apparatives und mental-kognitives System, stehen sich folglich bloß vermeintlich gegenüber. Wenn auch die filmische Inszenierung Martins artifiziell anmutet – oftmals finden sich in ihren Filmen formale Verweise auf die Moderne –, so zielen die Arbeiten keinesfalls auf eine dichotome Trennung und Gegenüberstellung, die Künstlerin fokussiert vielmehr auf die Komplexität der Beziehungen von medialem System und wahrnehmendem Subjekt und stellt jener vermeintlichen Dichotomie die Reziprozität von perzeptivem, medialem und mentalem Bild gegenüber.

Das Filmbild erscheint dabei als Feld sensorischer und semantischer Verdichtung: Wahrnehmung und ästhetische Empfindung ereignen sich nicht rein visuell, sondern bergen stets einerseits eine taktil-sensorische, kinästhetische Dimension und koppeln andererseits ein imaginativ-projektives Potential, das in Form mnemischer und konnotativer Anschlussstellen des Filmbildes wirksam wird. Martin untersucht Wirkungsweise und -zusammenhang des Laufbilds so betrachtet in einem phänomenologischen Sinn, also als gesamtkörperliches Geschehen, das sich aus der Konstellation von Bild, Blick, Handlung und Medium im Betrachter konstituiert. Zugleich ist Martins Bildbegriff jedoch ebenso anti-phänomenologisch, indem sie nicht der Hoffnung auf eine integral-sinnliche Wahrnehmung eines Subjekts aufsitzt (Holert), sondern Wahrnehmung per se in Bezug zum Mediendispositv begreift. Das filmische Sehen wird schließlich ob seines affektiven Gehalts untersucht: Wie entsteht Empfindung, gar Empathie beim Betrachter, ist der filmische Evokator doch – zumindest vordergründig – bloß ein „externes“, flüchtiges Geschehen „vor“ den Augen des Betrachters.

Daria Martins filmästhetische Sprache ist eng mit den Spezifika des 16mm-Projektionsbilds verbunden. Martin zielt auf die Haptik des Bildes und hebt das spezifische Erscheinungsbild des gesofteten Bildgevierts geradezu skulptural hervor. Die Projektionswand wird hierzu passgenau dem Bild angeglichen und mit einigem Abstand zur Wand montiert, sodass das Projektionsbild im Raum zu schweben scheint, sich zugleich aber dennoch als räumliche Präsenz im Sinne einer geradezu skulpturalen Entität manifestiert. Der Bildstatus ist demnach per se ambivalent, das Bild erscheint in Doppelexistenz: einerseits als Präsenz, die dem Betrachter räumlich gegenüber steht, anderseits als flüchtiges Phänomen, als ästhetischer Schein, der evokativ auf den Betrachter wirkt. Auch hier hält die Künstlerin ein fragwürdiges Gegensatzpaar – aktual/real versus imaginär – in der Schwebe.

Das Verhältnis und die Verbindung von Mensch und Maschine bilden den thematischen Fokus von Soft Materials. Der Film, aufgenommen im Labor für Künstliche Intelligenz der Universität Zürich, zeigt die performative Annäherung eines Tänzers und einer Tänzerin an unterschiedliche selbstlernende Roboter. In einer Einstellung sieht man beispielsweise den körpersprachlichen Dialog des Tänzers mit einer servogesteuerten Roboterhand und kann beobachten, wie er sein maschinisches Gegenüber tastend erkundet und kennen lernt, indem er taktil auf die technoiden Bewegungen mit eigenen antwortet. In einer anderen Einstellung versucht eine Tänzerin ihre Bewegungen mit den Auf- und Abbewegungen einer improvisiert anmutenden Maschine zu synchronisieren. Die Bewegungen scheinen oftmals suchend und ein wenig unsicher, sind sie doch weder vorherbestimmt noch vorprogrammiert, sondern entstehen im Rahmen des performanceähnlichen Settings in situ, in Resonanz auf die „Wahrnehmung“ der Roboter. In der „Syntonisierung“ (1) der Bewegungen scheinen vertraute Kategorien wie Subjekt/Objekt, Innen/Außen, aber auch Material- und Objekteigenschaften wie fest/amorph zunehmend unscharf und ineinander überzugehen. Mensch und Maschine bilden hier nicht das Klischee einer ontologischen Opposition. Auch wenn Martin Referenzen zur Moderne (Schlemmer/ Bauhaus), auch der Science-Fiction der 60er und 70er Jahre bildet, wiederholt sie jene optimistische Haltung hinsichtlich der Verbindung von Mensch/Maschine bzw. Technik und Gesellschaft nicht. Soft Materials zielt auch nicht auf eine vordergründige Mimesis der Bewegungsabläufe sondern fokussiert auf jene ästhetische, genauer: kinästhetische Suchbewegung im Wahrnehmungshandeln. Die filmische Performance gilt einem ästhetischen Spiel, bei dem die Grenzen zwischen Apparat und wahrnehmendem Subjekt, aber auch zwischen wissenschaftlicher Blickregie und Ästhetik durchlässig, wenn nicht für einige Momente gar obsolet erscheinen.

Während Soft Materials die Verbindung von Mensch und Maschine noch vorwiegend narrativ befragt, verschiebt sich der Fokus in Sensorium Tests auf das filmische Dispositiv selbst. Das apparative Auge (Kamera) und der mediale Apparat (Kinobild/16-mm-Bild) werden zum wesentlichen, wenn auch nichtsichtbaren „Beobachtungsgegenstand“. Das filmische Setting wird um eine Beobachtungsebene erweitert, das Narrativ vielschichtiger: Sehen und Beobachtung ereignen sich hier intersubjektiv, zwischen den handelnden Personen, doch ebenso als mental-mediales Übertragungsszenario innerhalb des filmischen Dispositivs. Martin schafft in Sensorium Tests ein artifizielles, zugleich dokumentarisch anmutendes Szenario. In einer hermetischen, laborähnlichen Beobachtungssituation führt ein wissenschaftliches Team einen „Sensorium Test“ an einer Mirror-Touch-Synästhetin durch. Die spät entdeckte und bislang wenig erforschte „mirror touch synaesthesia“ beschreibt ein neurophysiologisches Phänomen, bei dem der/die Betroffene via Blick eine starke Affizierung erfährt, beispielsweise dergestalt, dass die Berührung eines Gegenstands oder einer anderen Person explizit als Berührung des eigenen Körpers wahrgenommen wird.

Martin bezieht sich in ihrem Film auf das erste dokumentierte klinische Experiment mit einem Mirror-Touch-Synästheten. Sie wiederholt Versuchsanordnung und -verlauf, modifiziert jedoch das Beobachtungsdispositiv, indem sie Beobachtungs- und anliegenden Kontrollraum durch einen polarisierenden (einseitig verspiegelten) Spiegel trennt. Die Protagonistin, eine Mirror-Touch-Synästhetin, dargestellt von der rumänischen Schauspielerin Anamaria Marinca, wird im Verlauf des Tests mit verschiedenen Gegenständen – einem Lautsprecher, einem Ventilator, einer Stehlampe und schließlich mit einer Person – konfrontiert. Während eine Person, hinter der Synästhetin stehend, sie abwechselnd links und rechts berührt, beobachtet sie Berührungen der Gegenstände durch eine weitere Person. Die Synästhetin wird aufgefordert, jene Gesichtshälfte, auf der sie eine Berührung wahrnimmt, zu benennen; die möglichen Bezeichnungen sind „left, right, both“. Anfangs erkennt und bezeichnet die Synästhetin konsequent die Berührung ihres eigenen Körpers. Erst als der gegenübergestellte Gegenstand durch eine Person ersetzt wird und sie deren Berührungen beobachtet, zeigt die Synästhetin abweichende Reaktionen. Es kommt zu Differenzen, zu Interferenzen von Beobachtungswahrnehmung und Eigenwahrnehmung. In diesen Momenten der Doppelempfindung („both“) nimmt die Synästhetin sowohl den Berührungsreiz ihres eigenen Gesichts als auch die übertragene Fremdempfindung in Synästhesie mit der anderen Person wahr.

Martin arbeitet in Sensorium Tests gezielt mit Momenten der Irritation, der symbolischen Verschlüsselung: Der Kamerablick schweift während der filmischen Beobachtung des „Sensorium Tests“ zeitweise ab, man sieht kurze Aufnahmen einer Eislandschaft oder eines herbstlichen Laubwalds in Form einer Fototapete. Diese klischeehaften Landschaften repräsentieren alltägliche und „uneigentliche“ Synästhesien, wie wir sie langläufig kennen – beispielsweise korreliert die Empfindung von Kälte mit einem Bild einer Eislandschaft. Martin entwirft die Szenerie als Soziomikrokosmos und konfrontiert den Betrachter mit einem Verwirrspiel der Blicke, sodass zunehmend unklar wird, wer eigentlich das „Objekt“ der Beobachtung wessen ist. Denn ein objektiver, verobjektivierender Blick aus gesichertem Abstand, ob für den beobachtenden Wissenschaftler hinter der Glasscheibe oder nun für den Betrachter des Films, wird selbst jeweils als konstruierte Blickanordnung, als ein Dispositiv, lesbar.
Martin porträtiert den Blick, das filmische Sehen selbst. In dieser Lesart bildet nicht das Gesicht der Darstellerin, auch nicht das Blickregime der beobachtenden Wissenschaftler, sondern der Blick des filmischen Betrachters im cinematischen Dispositiv den eigentlichen Gegenstand der Beobachtung. Der Film schafft eine Analogie von Labor-/ Testsituation und Filmdispositiv, sodass der Zuschauer selbst zum Probanten von Martins „Sensorium Test“ wird. In der Engführung von Wahrnehmungssynästhesie und Filmrezeption fungiert das Phänomen der „mirror touch synaesthesia“ als prototypisches Übertragungsszenario. Martin lenkt den Blick auf die Mechanismen der Affizierung, sie wirft den Blick des Betrachters gewissermaßen auf sich selbst zurück und konfrontiert ihn mit der Frage nach der eigenen Affiziertheit/ -barkeit. Was bedeutet es, filmisch „berührt“, affiziert zu werden, wie geht dieser Vorgang vor sich?

Die Engführung von kognitiv/mentalem System (eines Synästheten) und apparativ-medialem System (Kinobild) führt in Sensorium Tests schließlich, und hierin liegt eine wesentliche Gemeinsamkeit mit Soft Materials, zu einer Ambiguität, wobei die Kategorien von Subjekt und Objekt, aber auch das Feld der Wahrnehmung und der Imagination, an Kontur verlieren. Die Figur des Innen/Außen ist bei Martin jedoch weder gänzlich aufgelöst noch wird sie negiert; die Künstlerin zeigt vielmehr die vermeintlichen Gegensätze aufeinander bezogen und ineinander verschlungen. Sensorium Tests ist in diesem Sinn schließlich weder dokumentarisch noch fiktional, wie auch der Blick weder rein subjektiv noch vollständig medialisert ist, sondern unablässig zwischen Beobachtung, Affizierung und ikonischem Plaisir changiert.

David Komary




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Anmerkungen:

1 Syntonisation bezeichnet – und hierin ist der Begriff technisch expliziter als der Begriff der Synchronisation – den Abgleich, die Abstimmung der Frequenzen zweier schwingungsfähiger Systeme (Oszillatoren).