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März – April 11

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Künstler: Andreas Heller, Katarina Matiasek

Die Ausstellung subsequent formation fokussiert Formen des panoramatischen Blicks. Indem Andreas Heller und Katarina Matiasek die suggerierte Souveränität des Panoramadispositivs dekonstruieren, machen sie dessen Ordnung der Sichtbarkeit beobachtbar. Blickgeschichtlich spiegelt das Panorama das Begehren nach Überblick im beginnenden bürgerlichen Zeitalter wider, das sich besonders signifikant in Robert Barkers Patent der Rundperspektive (1787) manifestierte. Vor dem Aufkommen des Kinematografen avancierte das Panorama, im Übergangsfeld von Kunst, Spektakel und Propaganda changierend, zu einem Massenmedium politischer Dimension.

In der gegenüberstellenden Verbindung der Arbeiten von Heller und Matiasek bildet das Landschaftsbild die gemeinsame ikonische Figur. In ihren Reflexionen der panoramatischen Blickregie zeigt sich die Natürlichkeit der Landschaft als kulturelle Konzeption von Natur. Das Bild der Landschaft wird als visuelle Beschreibungsformel von Natur lesbar. Formal arbeiten beide KünstlerInnen mit durchaus kompositorischen Mitteln, mit Rahmensetzungen, wenn nicht gar mit Formen filmischer Kadrierung. Das Sehfeld erscheint fragmentiert, geteilt, die Kontinuität der „Wirklichkeitsrepräsentation“ durchbrochen. Wahrnehmung selbst wird dabei instabil und fragmentarisch. Sowohl Heller als auch Matiasek inszenieren visuelle Auslassungen mit projektivem Gehalt. Die piktoralen Leerstellen haben bei beiden KünstlerInnen ambivalenten Status. Zwar aktivieren sie kulturelle Bildrepertoires des Natürlichen, doch ist diesem bildevokativen Prozess zugleich das Moment der Ent-Täuschung inhärent.

Der Beobachtungsgegenstand ist weniger das Abgebildete oder Wiederzuerkennende, etwa eine wie auch immer geartete Landschaft, sondern die Beobachtungsformel, das Beobachtungsdispositiv selbst, nach der das Bild von Natur hervorgebracht wird. Nicht die Repräsentation eines Äußeren, Gegebenen, sondern die Rekursion auf hegemonialisierte Formen der Landschaftsdarstellung rückt ins Zentrum der ästhetischen Untersuchungen. „Subsequent formation“, das Nachbild im Sinne eines im kulturellen Gedächtnis eingelagerten Bildes von Landschaft, wird zum Referenzrahmen aktueller Wahrnehmung: Das Bild der Landschaft zeigt sich als Tableau medialer Rückkoppelungen, als ein Interferenzmuster visueller Codierung.      

Katarina Matiasek fragt in fotografischen und filmischen Arbeiten nach dem Verhältnis vom Bild zur Wirklichkeit, sie untersucht den strukturellen Zusammenhang von medial-apparativen und wahrnehmungsbasierten Bildern und kognitiven Programmen, welche zur Konstruktion unserer Wirklichkeit führen. Im zweiteiligen fotografischen Panorama Split Horizon I inszeniert Matiasek gezielt den blinden Fleck der panoramatischen Blickregie. Der Betrachter, der sich angesichts der Konvention dieser Blickregie eines souveränen Standpunkts sicher glaubt, wird beim Versuch, das Bild zu betrachten, die Landschaft souverän zu „überschauen“, stets mit einer Zone der Nichtsichtbarkeit, einer weißen Leerstelle, konfrontiert. Bei dem Panorama handelt es sich um eine hochauflösende Landschaftsfotografie, die in einem Lentikulardruckverfahren in ein Vexierbild umgearbeitet wurde. Die Winkel der Bildstreifen in diesem Vexierbild sind nicht wie bei konventionellen Vexierbildern angeordnet, sodass bei Änderung des Sichtwinkels nicht ein Bild ins andere umschlägt, sondern ein wesentlicher Teil des Bildes weiß, also gelöscht, erscheint. Somit geht jede Wahrnehmung mit einem Ausfall von Sichtbarkeit einher. Matiasek lässt im sich verändernden Bild die Leerstelle zur Konstante werden, was den/die BetrachterIn zur stetigen Veränderung seines/ihres Standpunktes zwingt, um das Bild zu ergänzen. Nicht unähnlich der „Kadrierung“ Hellers erscheint auch bei Matiasek das Bild als Zusammengesetztes, sowohl durch seine Zweiteilung als auch durch die Zerlegung in Vexierbildstreifen. Das Bild wird filmähnlich segmentiert, um vom Betrachter erneut synthetisiert zu werden. Der Bildzusammenhang erschließt sich nur im synthetisierenden Verlauf und im Zusammenspiel aktueller und projizierter Bildlichkeit.     

Matiasek kehrt mit diesem konzeptuell einfachen, wenn auch technisch aufwändigen Verfahren die Logik der panoramatischen Blickregie um. Mit der kontinuierlichen Verschiebung des souveränen auktorialen Blickpunkts lässt die Künstlerin nicht nur das bildkonsumistische Plaisir des panoramatischen Blicks im Leeren verlaufen, sie rückt auch ästhetisch wie konzeptuell den im Verborgenen liegenden blinden Fleck des Dispositivs in den Mittelpunkt und macht das Panorama als ideologisch codierte Ordnung der Sichtbarkeit lesbar.

Indem Andreas Heller Darstellungsweisen von Wirklichkeit, von Natur – vorwiegend mit dem Mittel linearer, zeichnerisch-abstrahierender Codierung – analytisch befragt, wird ein Zweifel am Bild selbst, an seiner mimetischen Kapazität erkennbar. Wie bereits in früheren Arbeiten rekurriert Heller auch hier auf das Landschaftsdispositiv der Romantik, das die eigene Beobachtungsformel am souveränsten zu verdecken vermochte. In der Installation Unbetitelt (Paravent), einem raumgreifenden „begehbaren Bild“, zeigt Heller Landschaft in radikal auf ihre Silhouette, ihren Horizont reduzierter Form. Es stellt sich die Frage, ob diese Linie etwas nachzeichnet, etwas nachbildet, oder ob sie etwas vorgibt. Denn die Linie erscheint nicht statisch, sondern koppelt eine zeitliche Dimension: Bei der Begehung der Installation durch die BetrachterInnen bedingt die räumliche Zeichnung einen Prozess projektiver Wahrnehmung. Das entleerte, begehbare Bild Hellers wird damit zur Handlungsfläche kinästhetisch fundierter Betrachtung.

In der Evokation imaginärer Landschaften zeigt sich Hellers Landschaftsbild nicht nur als potentielles Palimpsest kulturell gespeicherter Bilder. Heller setzt in seiner zeichnerisch-installativen Analyse nicht allein semiotisch an, indem er offenlegt, dass es sich bei den Chiffren des Natürlichen um kollektiv konstituierte Zeichensysteme handelt. Er verbindet dieses analytische Moment durch die Verräumlichung der Bildes mit einer dezidiert kinästhetischen Rezeptionsform, die die sinnlich prozessuale Wahrnehmung der einzelnen RezipientInnen adressiert. Er fordert die BetrachterInnen zu Bewegungen im Raum, zum Begehen der Bildinstallation heraus und dekonstruiert durch die potentiellen Modifikationen und Veränderungen des Blicks die Vorstellung eines idealen Standpunkts.

Heller und Matiasek arbeiten mit Blickregien, die historisch untrennbar mit einem souveränen BetrachterInnenstandpunkt verbunden sind, beide verunmöglichen jedoch auf unterschiedliche Art die souveräne Betrachtungsweise. Die KünstlerInnen zerlegen das Panorama und übersetzen es in ein Wahrnehmungskontinuum. Nicht das Erkennen oder Wiedererkennen einer Landschaft, sondern die Prozessualität der Bildlektüre verbindet beide Arbeiten. Das Landschaftsbild bei Matiasek und Heller ließe sich auch als genuin fragmentiertes beschreiben. Indem Matiasek Landschaft in Vexierbildstreifen zerlegt und Heller die Silhouette eines Panoramas in paraventartige Segmente teilt, betonen sie den der Landschaftswahrnehmung inhärenten semiotisierenden, bildkonstitutiven Prozess. Bei Heller wie bei Matiasek wird Landschaft auf diese Weise zum Text, das Sehen zur Lektüre. Dennoch wird ästhetische Wahrnehmung nicht auf Semioseprozesse reduziert. Beide KünstlerInnen verbinden in ihren Arbeiten die semiotisch ansetzende Analyse mit einer phänomenologischen Dimension. Durch die Verzeitlichung der Betrachtung, die Veränderung des Blickwinkels bzw. des Standpunktes, wird das Subjekt auf unerwartete Weise zum Zentrum der Betrachtung: Steht das Landschaftsbild seit der Romantik für das Begehren nach Unmittelbarkeit und Authentizität und geradezu exemplarisch für die Subjektivierung der Wahrnehmung, so wenden Unbetitelt (Paravent) und Split Horizon I dieses Begehren auf den Betrachter zurück.

 

David Komary