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März – April 12

Text | engl. | Abbildungen



Künstler: Thomas Locher, Katarina Zdjelar

Die Ausstellung and in between untersucht den strukturellen Raum der Sprache, sie fragt nach ihrem referenziellen Vermögen, ihren Möglichkeiten der Repräsentation, doch mehr noch nach ihren Unwägbarkeiten, vermeintlichen Gewissheiten und semantischen Unschärfen. Die Arbeiten von Thomas Locher und Katarina Zdjelar verweisen auf einen unsteten Differenzraum, einen Bereich der Nichtidentität zwischen Sprache/Bezeichnung und Wirklichkeit/ Objektwelt. Bei beiden KünstlerInnen zeigt sich Sprache auf exemplarische Weise als Konstrukt und als gesellschaftliche Institution. Hinsichtlich der Medialisierung von Sprache stehen sich zwei sehr unterschiedliche ästhetische Praktiken gegenüber: Während Locher Sprache im Verhältnis zur Schrift und ihrer Verbildlichung befragt, steht bei Zdjelar die gesprochene Sprache, der Akt ihrer Verkörperlichung im Mittelpunkt.                 

Sowohl Locher als auch Zdjelar fokussieren Formen der Differenz, der fehlenden und uneinlösbaren Über- einstimmung von Bezeichnung und Bezeichnetem. Das Medium der Sprache erscheint dabei im Selbstwiderspruch; Fehler, Abweichungen und Ungereimtheiten werden zum eigentlichen „Material“ der Arbeiten. Beide Positionen machen – mit spielerischem Ernst – Momente semantischer Übertragung und Verschiebung beobachtbar. Entgegen der Vorstellung eindeutiger Sinngehalte und scharfer Grenzen von Wort und Begriff eröffnen ihre Arbeiten ein Feld der Multivalenz und der Polysemie.

Katarina Zdjelars Videos handeln von Versuchen sprachlicher Aneignung, der Verkörperlichung von Sprache. Ihre Arbeiten fokussieren Momente des Scheiterns von Aneignung und Übersetzung. Sie richten den Blick auf jene Bereiche zwischen den (zwei) Sprachen, der sich als Bereich des Nicht-Übertragbaren und Nicht-Übersetzbaren figuriert. Im Video There Is No Is sieht sich der/die BetrachterIn der dokumentarischen Aufnahme einer Asiatin gegenüber, die wiederholt versucht, den Namen der Künstlerin gleich einer Sprechübung „richtig“ auszusprechen. Immer wieder scheitert die Übende an der für sie, für ihren Sprachgebrauch, ungewohnten Lautfolge. Mit erheblichen Schwierigkeiten versucht sie, sich dem Klangbild aus dem Off, der korrigierenden Stimme Zdjelars, anzunähern, beispielsweise indem sie eine dem phonetischen Klang des Namens entsprechende Laut- und Silbenfolge als Sprechhilfe auf ihre Hand notiert. Der Name der Künstlerin wird dabei zum „Gegenstand“, zum Objekt der Übung, das zunehmend an Kontur verliert.                  

Das Medium der Sprache erweist sich bei Zdjelar wesentlich vom Körper bestimmt. Die Grenzen im Aneignungs-prozess erscheinen als Unvermögen unmittelbarer Verkörperlichung. Sprachmuster werden dabei als tief verwurzelte Körpercodes erkennbar. Im Versuch, die „richtige“ Aussprache zu erzielen, zeigt die Protagonistin in There Is No Is auf indirekte Weise, wie nicht nur der Körper die (Aus-)Sprache, sondern auch vice versa die Sprache den Körper formt. Die Stimme zeigt sich dabei als basaler kultureller Träger, der wesentlich sozial und politisch codiert ist.

Zdjelars Protagonistin eröffnet, ohne es zu wissen und zu wollen, einen Differenzraum sprachlicher Signifikation, der sich aus Unstimmigkeiten von Gemeintem, Gesagtem und Verstandenem konfiguriert. Was die Übende hört, passt nicht zu dem, was sie sagt, immer wieder erzeugt sie neue Varianten der Abweichung und der Deformation. Obschon das eigentliche Ziel der sprachmimetischen Angleichung verfehlt scheint, verweisen die „Fehler“ der Protagonistin in Zdjelars Video auf Sprache als lebendiges Medium, das sich im Gebrauch formt. Das Video zeigt, dass sprachliche Aneignung stets eine Annäherung darstellt, dass es den „Besitz“ von Sprache per se nicht gibt, wodurch die Zuverlässigkeit der Sprache als eindeutiger kultureller Signifikant schließlich selbst infrage steht.

Angesichts der Performance der zunehmend verlegenen Protagonistin werden sprachliche Machtverhältnisse und ihre politischen Implikationen als wesentliches Thema der Arbeit erkennbar. Der Fokus verschiebt sich auf die Frage nach den gesellschaftlichen Verhältnissen, die sich am Medium der Sprache – insbesondere am Körper als Medium der Sprache – abbilden. Der ungeduldige Lehrer in Zdjelars Video, die Künstlerin selbst, die die Protagonistin aus dem Off korrigiert, wird zum Stellvertreter einer autoritativen Figur, gar Kultur, die die Protagonistin anweist, ihren Körper entsprechend der „richtigen“, dominierenden Sprache anzugleichen, sozusagen zu „kalibrieren“. Das Szenario erscheint in dieser Lesart prototypisch für die Situation eines/einer MigrantIn, der/die sich in neuer Umgebung, einem regulierten Sprach- und Kommunikationssystem zurechtfinden muss und ist somit auch exemplarisch für die Erfahrung kultureller Dislozierung per se.

In Either-Or/More Or Less konfrontiert Thomas Locher den/die BetrachterIn mit einem vierteiligen, durch regelmäßige horizontale Linien strukturierten Schriftbild. Während die beiden mittleren Tafeln Begriffsoppositionen wie „in/out“ oder „true/untrue“ zeigen, führen die äußeren Tafeln die Kontradiktorik der mittleren Textfelder in abgeschwächter Form fort; so wird „in/out“ beispielsweise von „inner/outer“ flankiert, oder „true/untrue“ von „maybe/maybe not“. Die äußeren Felder relativieren somit die Absolutheit des jeweiligen Gegensatzpaares und eröffnen semantische Alternativen.

Entgegen der augenfälligen strengen Gegenüberstellung der Begriffe beginnen die bildräumlich getrennten Bereiche in Interferenz zu treten und einander wechselseitig zu semantisieren. Die Begrenztheit der einzelnen Felder wird brüchig, gar osmotisch. Begriffe implodieren oder gehen über ihre „Grenzen“ hinaus und durchdringen einander. Die Scheindialektik Lochers kehrt dabei ihre eigene Konstruiertheit als schriftbildliche Inszenierung hervor. Betrachtet man Lochers Schriftbilder ikonisch, so avanciert das Weiß der Bildfläche und auch der Wand zur Projektionsfolie, es wird zum „Erscheinungsgrund“: Die Intervalle zwischen den Bild-/Textfeldern bilden dabei ein Analogon zu den Differenzräumen der sich überlagernden und überschreibenden Begriffsfelder. Der (schein-)dialektische Gegensatz schreibt sich in Differenzen und Synthesen jenseits der Sichtbarkeit fort, wobei eben jene unsichtbaren, ungelenkten Dynamiken der gegenseitigen „Beschriftung“ und Semantisierung zum eigentlichen Geschehen werden.

Lochers Schriftbilder bilden ein Scharnier zwischen Piktoralem und Zeichenhaftem, zwischen Bild und Text. Sie fungieren als Modelle variabler Bezugnahme, eines ungeregelten Changierens von Lektüre und Anschauung. Wort und Bild modellieren dabei einen gemeinsamen „Resonanzraum“. Die anfängliche Distanz zu den in Schrift „gebannten“ Wörtern und Begriffsfeldern beginnt dabei zu schwinden, die Schriftbilder bedingen eine Naherfahrung und Gleichzeitigkeit von Anschauung und Lektüre, der Betrachter tritt ein in einen Raum der Verweise und der Differenz, einem imaginären Bildraum bewegter Sprache.                 

Die Autorität der raster-/tabellenartigen Struktur in Lochers Schriftbild, die Suggestion logischer Verhältnisse, gar einer Ordnung des Wissens, wird im Akt der Anschauung durch den/die BetrachterIn schlichtweg unterwandert und aufgelöst. Locher macht in dieser Auseinandersetzung mit Systemen der Klassifikation visuelle und sprachliche Ordnungssysteme als Konventionen der Vernunft und – mehr noch – als hegemonialisierte Ordnung des Wissens transparent. Die simulierte Ordnung und Scheinrationalität in Either-Or/More Or Less lässt vermeintlich ontologische Antinomien wie Bild versus Schrift, Materie versus Geist/Idee, ästhetische Anschauung versus Lektüre implodieren. Statt in einem Entweder/Oder mündet der/die Betrachterin in einem Bereich des „Ungefähren und Ungenauen, dem Ort, wo Sprache die Kraft besitzt über ihre Grenzen hinauszugehen“ (Locher).                 

Sowohl Katarina Zdjelar als auch Thomas Locher arbeiten mit Formen metasprachlicher Verdoppelung, mit der Bezeichnung von Bezeichnungen. Im Zuge der Dekonstruktion sprachlicher Unmittelbarkeit wird Sprache in beiden Arbeitsweisen nicht nur als Konstrukt, sondern auch als imperatives Gefüge und als Instrumentalisierung von Macht thematisiert. In dieser sprachkritischen Lesart bilden die Arbeiten Lochers und Zdjelars Unterfangen gegen die regulierende und repräsentative Funktion von Sprache. In beiden Positionen wird ein klar definiertes Ich, das „im Besitz“ der „richtigen“ Sprache ist und das einem eindeutigen Du oder einer externalisierten Objektwelt gegenübersteht, fragwürdig. Die KünstlerInnen dekonstruieren das Phantasma eines Subjekts, das sich als alleiniges Zentrum der Sprache denkt, und verdeutlichen in ihren Arbeiten, dass Sprache stets eine Annäherung an die Wirklichkeit darstellt, dass sie Wirklichkeit nicht abbildet oder wiedergibt, sondern sie aufgrund ihrer Konstruiertheit wesentlich mithervorbringt.

 

David Komary