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Interfering void - Andy Graydon, Albert Sackl
März, April, Mai, Juni 2014

Text | engl. | Abbildungen



Künstler: Hans Schabus

EAST WEST SOUTH NORTH


Hans Schabus rekurriert im Titel der Videoinstallation East West South North auf eine Konvention räumlicher Verortung und Vermessung: Das Koordinatenkreuz, in Form des Kompasses grundlegendes Instrument der Kartografie, ist Sinnbild für eine bestimmte „Ordnung der Welt“. Das geografische Koordinatensystem ist jedoch nicht bloß Mittel örtlicher Erfassung und Bestimmung, sondern auch Widerspiegelung ökonomischer und politischer Interessen.

Hans Schabus bezieht sich auf das kanonisierte Blick- und Ordnungsregime nicht ohne Brechung. Der Titel der Dreifachprojektion East West South North hält die vertraute Schreibweise beziehungsweise Aufzählungsreihenfolge der Himmelsrichtungen – N-S-O-W oder auch N-O-S-W – nicht ein, sondern lässt vielmehr die wesentlichen globalen Migrationsströme erkennen, wodurch die Ökonomie als eigentliches Agens der Ordnung der Welt in den Blick gerät. Ein vermeintlich neutraler Raumbegriff, der homogene Ausdehnung suggeriert, die sich in einen Raster übersetzen ließe, erweist sich als ideologisch besetzt. Das geografische Koordinatensystem verweist nicht bloß auf ein auktoriales Subjekt als Zentrum der Wahrnehmung, es bringt dieses geradezu mit hervor. Das freischwebende Auge des kartierenden Blickes fungiert bei Schabus nicht ungebrochen als Analogon eines Subjekts, das die Welt projektiv zu entwerfen vermag. Stattdessen werden Raum und Raumordnung im interdependenten Zusammenhang von Bild, Blick, Gesellschaft und Wirtschaft einer kritischen Befragung unterzogen.

Schabus versieht in seiner Inszenierung von East West South North als synchronisierte Mehrfachprojektion drei Wände des Ausstellungsraumes mit Projektionsbildern, belässt eine Wand jedoch unbespielt, anscheinend leer. Somit avanciert eine Himmelsrichtung, die vierte Koordinate des orthogonalen Systems, zur raumdiegetischen Leerstelle. Der Betrachter sieht sich aufgefordert, die fehlende Koordinate zu ergänzen, den eigenen Blick handelnd ins Spiel zu bringen und zu überprüfen.

Hans Schabus konfrontiert den Betrachter in East West South North mit Bildern der urbanen Absenz und der Leere. Die siebenminütige Dreifachprojektion zeigt in langen Einstellungen die einst wichtigsten sozialen Orte wie Post-, Polizei- und Veranstaltungsgebäude der Kleinstadt Yeso, einer sogenannten „ghost town“ in New Mexico. Bis in die 1950er-Jahre war Yeso wichtiger Umschlagsplatz für den Handel mit Vieh und Agrarprodukten. Als die Züge der Atchinson, Topeka and Santa Fe Railway zugunsten eines anderen Handelsortes nicht länger in Yeso hielten, verlor die Kleinstadt schlagartig ihre logistische und wirtschaftliche Bedeutung, was die Abwanderung nahezu der gesamten Bevölkerung zur Folge hatte.

Anfänglich erscheint East West South North geradezu als bildsymphonische Ode an den Nichtort. Der Blick durchstreift die leerstehenden Gebäude und verfallenen Plätze der Kleinstadt, als wolle Schabus diese als Schauplätze potentieller filmischer Handlung vorstellen. Farbe, Licht und Ton der Aufnahmen evozieren Bildräume, die das dokumentarische Moment der Aufnahmen zeitweilig unterwandern und zugunsten der filmischen Qualitäten des Aufnahmeortes in den Hintergrund treten lassen. Die anfängliche Ruhe des kontemplativ anmutenden Szenarios wird vom plötzlichen Getöse eines schier endlos scheinenden Güterzuges unsanft unterbrochen, sodass jeglicher kontemplative Eskapismus kollabiert. Der über drei Kilometer lange, zweistöckige Containerzug der Burlington Northern Santa Fe, vorwiegend beladen mit für den internationalen Handel bestimmten Waren, ist der letzte Verweis auf die florierende Zeit Yesos mit seiner einst so vorteilhaften Lage entlang der Zuglinie. Heute durchquert der Zug den Ort im Intervall von dreißig Minuten, ohne ihn eines Haltes zu würdigen. Der Zug wird auf diese Weise zum flüchtigen, zugleich hyperpräsenten Zeichen des Warenverkehrs einer auf stetige Expansion ausgerichteten Wirtschaft und der mit ihr einhergehenden Funktionalisierung des Raumes.

Spätestens an dieser Stelle wird klar, dass Hans Schabus Yeso nicht ob seiner visuellen, filmisch-evokativen Qualitäten untersucht, sondern die Geschichte seines ökonomischen Niedergangs in den Blick nimmt. Schabus setzt dabei keineswegs nostalgisch an, denn die Kleinstadt Yeso, selbst rasterartig angelegt, steht prototypisch für ein Stadtmodell, das vornehmlich auf Expansion abzielt. Schabus betreibt die semiotische Untersuchung Yesos auf zwei Ebenen. Einerseits zeigt er die einzelnen administrativen und gesellschaftlich relevanten Gebäude und damit die architektonisch repräsentierte Hierarchie der Kleinstadt „außer Funktion“. Andererseits lässt er die Stadt als „Opfer“ einer Idee und Metastruktur erscheinen, die den Ort in ebendieser Form mit hervorbrachte: als orthogonales System, das sich einzig der Logik der Expansion und des wirtschaftlichen Wachstums verdankt und das landschaftliche sowie soziale Bedürfnisse
unterordnet oder schlichtweg übergeht.

Schabus vermengt in East West South North historische Koordinaten mit kanonisierten Bildern eines mythologisierten Westens, jedoch nicht, ohne diese Bildsprachen und -codierungen zu unterminieren. Der Künstler schafft eine Wahrnehmungssituation, die den Betrachter ob der eigenen Vorstellungen verunsichert und ihn seiner Projektionen gewahr werden lässt. Der Mythos des Westens, oder allgemeiner das Phantasma des Eroberns, des Erschließens „unberührter Natur“ oder unbesetzter Orte, scheint hier mit der Realität, der Gegenwart und mehr noch der nahen Zukunft, zu kollidieren – letztlich ist in Yeso die Wüste der Eroberer. Indem Schabus den Blick semidokumentarisch auf die Ökonomisierung des Raumes und den urbanen Kollaps Yesos richtet, wird die vermeintliche Ode an die Wüste als ökonomiekritischer Kommentar lesbar.

Der Betrachter findet sich in einer ambivalenten Situation wieder: Die Bilder von Nichtort und Brachland wecken die Hoffnung auf die Entdeckung eines unberührten oder wenigstens vergessenen und wiederzuentdeckenden Ortes, jedoch wirft Schabus den Betrachter auf das eigene Sehen zurück. Das naiv-souveräne Betrachterauge, das sich hier kurzweilig kontemplativ einer Ästhetik der Absenz erfreut, wird als „mastering eye“ decouvriert und einer Blickregie überführt, die sich aus sicherer Position heraus auf das Prekäre richtet und in ebendiesem Moment die eigene erhabene Position mitkonstruiert und stabilisiert.

Das markanteste ästhetische und physische Moment dieser Arbeit, die plötzliche, geradezu „skulpturale“ Präsenz des Zuges, hinterlässt ein räumliches und akustisches Vakuum, das den leeren Ort umsemantisiert. Die Stille am Ende des siebenminütigen Filmes ist nicht dieselbe wie jene zu Beginn. Wenn auch ikonisch ohne signifikanten Unterschied, erscheint die „Coda“ dieses auf den ersten Blick bildsymphonisch anmutenden Filmgeschehens nunmehr unter dem Vorzeichen sozioökonomischer Kritik. Schabus rückt die unbewusst romantisierenden Anteile des Blickes auf Ort und Landschaft beziehungsweise Nichtort und Brache ins Zentrum. Nicht das Moment der Subjektivierung, sondern der unbewusste Rückgriff auf kollektiv eingelagerte Romantizismen wird zum Gegenstand der raum- und sozioästhetischen Reflexion. Indem Schabus die vierte Koordinate in der räumlichen Anordnung der Projektionen von East West South North offen und unbestimmt lässt, macht er den Betrachterstandpunkt zur räumlichen Variable. Diese phänomenologische Komponente, die Position des Betrachters und sein Verhältnis zu den drei synchron gezeigten Filmen im Raum, ist für den Prozess der räumlichen Diegese konstitutiv, dabei aber veränderlich und immer wieder aufs Neue zu verhandeln. Wenn auch der Betrachter bewusst in seiner Kontemplation gestört wird, so fokussiert Schabus hier weder auf Affirmation noch auf Dekonstruktion des Gesehenen, sondern auf einen Raum dazwischen. Die intendierte Raumerfahrung zielt auf die Dimension eines Dritten, eines transitorischen Raumes, der zwischen historischen Koordinaten des referierten Ortes, imaginären Anteilen und kollektiven Aufladungen des Blickes changiert. Somit gibt Schabus nicht den oder einen Raum oder Ort zu sehen, sondern verweist auf den aktualen Raum der Wahrnehmung als einen Raum kinästhetischer Erfahrung, in dem Dispositiv und Gegenstand der Wahrnehmung unauflösbar miteinander verbunden sind.

David Komary